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Freitag, 09. Mai 2008
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FORTSETZUNGS-ROMAN > TEIL 2

Wenn ich heute so darüber nachdenke, während mein Sohn nebenan friedlich schläft, hätte ich gerne ein hysterisches Kreischen gehört oder ein Riesenfest um mich gehabt. Viele meiner Freundinnen reagierten auch so, obwohl sie sich niemals selbst ein Kind hätten vorstellen können. Von meinen Verwandten ging zum großen Teil eher ein Raunen durch die Gänge.

Aaron war also ein geplantes Wunschkind. Bereits in den ersten 3 Wochen war ich vollkommen verliebt in dieses heranwachsende Wunder. Ich schrieb schmalzige Tagebucheinträge und hatte immer Angst, ich könnte doch noch eine Fehlgeburt erleiden oder ihn auf eine andere Art verlieren.
Bis jetzt war er ja nur ein „Häufchen Zellen.“

Beim Arzt erfuhr ich, dass das Kind an genau der richtigen Stelle saß, keine Eileiterschwangerschaft also.
Der Geburtstermin sollte der 30.9. werden, fast zu Christofs Geburtstag am 6.10.Na, Hauptsache er würde nicht mein Geburtstagsgeschenk werden: 18.10.
Im Grunde genommen war es mir egal. Der Satz ist abgedroschen und alt, aber er stimmt einfach: Hauptsache gesund.
Am 12.2. sollte ich seinen Herzschlag hören können und dann müsse ich viel weniger Angst haben, das Baby zu verlieren, meinte der Arzt.
Und so hielt ich immer brav die Termine ein und war fasziniert vom werdenden neuen Leben.

Meine Schwangerschaft wurde mir also vom Arzt bestätigt. So war ich also offiziell eine schwangere Frau mit Mutterpass und konnte jeden Monat auf dem Ultraschall sehen, wie sich mein Sohn von einem kleinen „Fleischklümpchen“ zu einem richtigen Menschen entwickelte.
Ich wusste von Anfang an, dass es ein Sohn wird.
Es war ein seltsam sicheres Gefühl, das mir auch der Arzt nicht nehmen konnte. „Seien sie nicht enttäuscht, wenn doch ein Mädchen dabei rauskommt“, sagte er mir immer. Als ob ich dann enttäuscht gewesen wäre. Aber es wurde ja ein Junge.
Abgesehen davon rief ich einmal während meiner furchtbaren Übelkeit meine Mutter an und fragte sie um Rat.
„Da kann ich dir nicht helfen, mein Schatz“, meinte sie trocken. „Bei euch 3 Mädchen hatte ich das nie. Das kann nur ein Kerl werden.“

Die Natur nahm ihren Lauf und ich bekam es heftig zu spüren. Mir war schlecht.
Alles roch 10mal extremer, Äpfel würg, Banane bäh, vor den Blubberbläschen im Mineralwasser hätte ich schon davon rennen können, wenn sie mich nur an der Nase kitzelten.
Und mein geliebter Milchcafe war auch nicht mehr das, was er mal war.
Zweimal wurde ich ohnmächtig und jeden Morgen war ich ein Häufchen Elend.
Ich ließ mich krankschreiben. Ich konnte nicht aufstehen, beim Zähneputzen musste ich würgen, statt zuzunehmen, nahm ich ab.

Für Christof war ich keine große Hilfe, der immer noch an seiner Allergie litt. Seit 5 Monaten. Obwohl die Katze schon lange weg war, musste er ständig ein „Asthma-Notköfferchen“ mit sich tragen. Uns kamen schon Zweifel, ob unser schwarz-weißes Raubtier Miezle überhaupt die Ursache gewesen war. Hatten wir sie umsonst abgegeben?
Die Ärzte konnten den Grund nicht feststellen. Es hieß, dass nur 5% aller Allergikerfälle aufgeklärt werden, zu 80% waren sie sowieso psychisch.
Wir mussten also damit leben. Der Psycho und die bleiche Würgeschlange bekamen ein Baby.
Und zu allem Überfluss roch sein Cortison-Nasenspray für mich wie Sch… und ich hatte echte Probleme, ihn zu küssen.

So sahen wir beide ganz schön beschissen aus. Bleich, müde, dünn. Noch. Christof wurde mit jedem homöopathischen und chemischen Medikament vollgestopft, Diäten, Umstellungen auf andere Waschmittel, Shampoos, Allergikerbettwäsche, nichts half.

Christofs Eltern riefen an und behaupteten, er dürfe bei seiner Krankheit keine Schokolade mehr essen, weil dies zu einer allergischen Überreaktion und schließlich zum Tode führen könne. Meine schwachen (oder sollte ich sagen: meine starken) Schwangerschaftshormone hielten das nicht aus.
Ich versuchte, jegliche Süßigkeiten aus seinem Blickfeld zu verbannen. Es brachte nichts. Die übliche Ration von 3 Tafeln am Tag ließ sich nicht reduzieren. Und mit dieser Vorliebe meine ich nicht die Schwangere.
Für mich war Schokolade wie…na, ihr wisst ja.

Mein Kindergarten musste auf mich verzichten und das nicht zu knapp. Das war ganz schön frech so kurz nach dem Probehalbjahr. Und auch wenn ich ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Team hatte und es mir dreckig ging: Ich war glücklich, ich war schwanger.

Christof ging langsam in seiner Vaterrolle auf. Sein Beschützerinstinkt ließ ihn noch mehr trainieren und er rechnete für die nächsten hundert Jahre unsere finanzielle Lage aus.
Ich begann ein Tagebuch und ertappte mich dabei, wie ich Püppchen bastelte und Stoff bemalte.
Ich hatte nur einen Gedanken: Das Baby behalten. Und ich war froh, als die ersten 3 Monate, in denen sich so viel entscheidet - schlägt das kleine Herz, wird das Kind nicht von meinem Körper abgestoßen, hat es alles was es braucht? - vorüber waren.

Christof versuchte, mir meine Übelkeit zu versüßen und kam eines Abends mit einem ausgeliehenen Videofilm nach hause. „Hinter dem Horizont“ mit Robin Williams.

Gleich in den ersten Minuten starben die beiden Kinder und später der Ehemann bei Autounfällen. Die Mutter blieb mit ihrem Schmerz allein zurück und nahm sich bald darauf das Leben.
So heulte ich 2 Stunden durch und konnte es nicht unterdrücken. Bald konnte ich durch meine aufgequollenen Augen kaum noch etwas sehen, Tempotaschentücher auf dem Tisch versperrten Christof die Sicht.
Er wusste nicht, was er tun sollte. Alles trösten und nett zureden half nichts.
Also nicht empfehlenswert bei überschüssigen Hormonen: Hinter dem Horizont.

Am nächsten Tag sah ich unglaublich aus.

Diese Sentimentalität zog sich durch die ganze Schwangerschaft und hält bis heute an.
Ich weinte bei Tierdokumentationen über ein kleines Elefantenbaby, das seine Herde verloren hatte, einsam umherirrte und fast an Hunger starb. Christof meinte schon ganz nervös, ich solle da nicht hinschauen, doch es war schon zu spät.
Das kleine Rüsselchen baumelte auf dem Boden hin und her, nichts zu essen in Sicht, eine Herde Elefantenbullen ertränkte das Baby fast in einem schlammigen Tümpel, obwohl es doch auch nur Durst hatte.
Ich heulte Niagarafälle.

Christofs Eltern holten mich ab und ich verbrachte ein paar Tage bei ihnen im tiefsten
Schwarzwald. Ihr Riesenhund, der Schäferhund Schäfli, schnüffelte ständig an einer für mich sehr unangenehmen Stelle herum, er schien zu bemerken, dass mit mir etwas Besonderes los war. Seine 50 Kilo Kampfgewicht waren für mich kaum abzuwehren, andauernd drehte er vor Freude den Kopf hin und her, so dass es nicht möglich war, ihn zu streicheln. Er trieb mich in den Wahnsinn.
Sein Eau de Toilette Marke „Nasser Hund“ stand mir in der Nase und ich musste darauf achten, nicht umgerannt oder nieder geschleckt zu werden.
Damit ich vor Übergriffen geschützt war, baute man um mein Bett eine Art Hundebarriere aus Stühlen und verschiedenen Spielsachen. Eine Tür gab es in diesem Raum nicht.
Und nachdem ich mit leckerem Schwiegermama-Essen vom Tisch direkt ins Bett rollte, dachte ich noch lange nach.

Mein Leben war zum Idealfall geworden. Ich konnte nicht glauben, dass ich soviel Glück hatte. Einen Mann der mich liebt, genug Geld, ein Dach über dem Kopf, einen guten Beruf und es herrschte Frieden. Zumindest in unserem Land.
Auf einmal sah ich die kleinen Dinge des Lebens viel deutlicher. Im Grunde hielt man sich mit so vielen Problemen selbst davon ab, die Zeit zu genießen. Alles war so selbstverständlich geworden. Der Kühlschrank war immer gefüllt, Geld war immer da, Gesundheit lag an zweiter Stelle.
Mit einem Baby im Bauch sah die Welt ganz anders aus. Ich hoffte, dass wir nie einen Krieg miterleben müssen, dass ich meinem Kind immer Essen geben kann, wenn es Hunger hat und dass wir lange gesund bleiben.
Schmerzen und Übelkeit machten mir bei diesen Gedanken weniger aus, denn es waren die eindeutigen Signale eines kleinen Menschen, der in Liebe gezeugt wurde und das war die beste Voraussetzung für ein neues Leben.

Aber ein bisschen weniger Übelkeit wäre nett, wenigstens der Cafe…

Am nächsten Morgen wurde ich von einem seltsam quietschenden und gleichzeitig knurrenden Geräusch geweckt und blickte dabei in eine zähnefletschende Hundeschnauze.
Schäfli hatte die Barriere durchbrochen, bellte mich an und sprang, ohne dass ich schnell reagieren konnte, direkt auf mich drauf.
Ich konnte ihn im liegen schlecht abwehren, da er ja fast so viel wog wie ich und bekam von seinen riesigen Tatzen sogar durch die Decke hindurch Kratzer am Bauch.
Wäre ich ein paar Monate weiter mit meiner Schwangerschaft gewesen, hätte das für mein Kind sehr gefährlich werden können, aber mein Beschützerinstinkt war schon jetzt sehr groß und ich hasste diesen blöden Hund dafür, dass er keinen Zentimeter von mir herunterging und mich ständig ins Gesicht schlecken wollte.
Er war ja eigentlich harmlos, aber eben zu schwer für ein Schoßhündchen.
Ich rief keuchend nach meiner Schwiegermutter, die dieses Bild sehr amüsant fand. Schäfli war das 5. Kind im Haus und so wurde er auch erzogen. Wie ein dickes, gefräßiges Nesthäkchen, der alles darf.
Von dort an ging ich nur ins Haus, wenn der Hund nicht in meine Nähe kam und es hatte sehr lange gedauert, bis ich diesen Satansbraten wieder lieb gewinnen konnte.

Die Zeit verging nur langsam. Meine Übelkeit stellte sich erst im 5. Monat ein, man sah auch keinen Bauch, denn ich hatte immer noch nicht zugenommen.
Außer der grandiosen Oberweite hatte sich nichts verändert. Danke, danke, vielen Dank! Auch von Christof soll ich noch vielen Dank sagen!

Der bekam allerdings wieder schlechte Nachrichten. Er sollte an den Nebenhöhlen operiert werden. Mittlerweile war er schon bei Cortison angekommen, die Operation war daher unumgänglich, denn ein Grund für seine Allergie stand noch immer nicht fest.
Seine Kollegen auf der Arbeit erzählten ihm, dass er mindestens 5 Wochen im Krankenhaus liegen und nach der OP nichts sehen würde, weil er dann nämlich die geschwollenen Augen nicht öffnen könne.
Das kommt davon, wenn man Krankenpfleger ist. Man weiß zuviel.

Eines Nachts weckte er mich voller Panik: „Mina, ich kann nicht schlafen, ich muss noch fernsehen, ich glaube, ich werde noch verrückt!“ Als ich ihn nach dem Grund fragte, fing er auf einmal an zu weinen. Zum zweiten Mal in unserer 5-jährigen Beziehung.
Seit einem Jahr plagten in nun Asthmaanfälle, Ausschläge und keinerlei Geruchssinn. Er war mit seiner Geduld am Ende. Er wurde oft gehänselt, unsere Freunde lachten manchmal und sagten, er sei ja eine einzige Pustel oder gar gegen mich allergisch, weil die Allergie direkt nach unserer Hochzeit begonnen hatte.
Ich tröstete ihn und versuchte ihm die Angst vor der Operation und der ungewissen Zukunft zu nehmen, aber viel half es nicht.
„Die Ärzte haben gesagt, dass es auch psychisch sein kann. Vielleicht ist es so, irgendeine schlimme Sache in der Kindheit oder der stressige Beruf, was weiß ich. Ich habe jedenfalls keine Lust mehr.“
So redeten wir lange Zeit, bis er ganz aufgewühlt meinte: “Vorhin wollte ich einschlafen und mein Herz hat so furchtbar gerast.“ „Ist ja auch kein Wunder nach den 2 Tassen Cafe und den 1 ½ Litern Eistee, die du heute getrunken hast.“
Christof schaute mich an, sein Gesicht hellte sich auf. „Stimmt, deshalb bin ich so panisch. Ich bin doch kein Psycho!“ sagte er mit hämischem Lachen, drehte sich auf die andere Seite und schlief innerhalb von 5 Minuten ein.

Ich konnte es nicht glauben. Da tröstete ich einen 27-jährigen Psycho - oh, Verzeihung - Mann mitten in der Nacht, versuchte, ihn aufzubauen und zu stärken und dann muss ich nur die Zauberworte „Eistee und Cafe“ erwähnen, dann ist das Problem gelöst?

Die Universallösung für alle Paare dieser Welt:

Du hast zuviel getrunken, Schatz.

Wenn Christof Spätdienst hatte und ich in aller Stille im Wohnzimmer saß, flogen meine Gedanken weiter.

Es fielen mir nun viel mehr Dinge aus meiner Kindheit ein, gutes wie schlechtes, Dinge, die ich meinen Eltern gleichtun wollte und solche, die es zu vermeiden galt.
Ich hatte eine gute Kindheit. Obwohl meine Eltern beide arbeiten mussten, hatte ich selten das Gefühl, allein gelassen zu werden. Ich war lange Zeit Einzelkind und genoss ungeteilte Aufmerksamkeit. So fühlte ich mich sicher und geborgen.
Das änderte sich schlagartig, als sich meine Eltern scheiden ließen.
Ich denke, dies hat mich auf eine besondere Art geprägt, denn von diesem Tag an litt ich sehr unter Verlustängsten. Ich könnte nicht einmal ohne Christof in den Urlaub fahren. Meine Sehnsucht und die Angst, dass etwas dazwischen kommen könnte und wir uns nie mehr wieder sehen, lässt mich den schönsten Meeresblick oder das exotische Nachtleben kaum genießen.
Mittlerweile brachte mir die Angst, mein Baby zu verlieren richtige Bauchschmerzen, so dass ich schwer an mir arbeiten musste, nicht ständig an das Schlimmste zu denken.

Schon in dieser Zeit bemerkte ich, dass ich mich veränderte. Ich kämpfte mit mir selbst und mit festgefahrenen Gefühlen, die schon lange in mir steckten.
Werde ich mein Kind durch meine eigene Vergangenheit einschränken? Werden Christof und ich immer zusammen bleiben? Was werde ich für Fehler machen? Werde ich ihm eine gute Mutter sein? Es wird bestimmt viele Momente geben, in denen ich Angst um mein Baby haben werde, wahrscheinlich noch, wenn er den 30. Geburtstag gefeiert hat.

Aber das sollten alles nur meine Probleme sein und ich nahm mir vor, sie nicht auf mein Kind zu übertragen. Am Ende würde aus ihm ein Mamasöhnchen werden, der mit 40 Jahren immer noch keine Frau gefunden hat und mir seine Wäsche bringt. Graus!

Und trotzdem:
Ruf an, wenn du später nach hause kommst, geh nicht mit fremden Leuten mit, trink kein Spülmittel, so wie deine Cousine, wenn man mal 2 Minuten nicht hinschaut und lass die Finger aus den Steckdosen. So für`s erste.


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