FORTSETZUNGS-ROMAN > TEIL 3
Die Temperatur sank im Februar von 17°C auf -2°C. Christof und ich schmiedeten Zukunftspläne.
Wir mussten definitiv umziehen. Das vierte Mal in 1 ½ Jahren, aber diese Wohnung war nun mal zu klein für drei Leute. Sie hatte nicht eine einzige Tür!
Christof wollte in Richtung Schweiz ziehen, um dort mehr Geld zu verdienen, aber seine Nebenhöhlen -OP machte uns einen Strich durch die Rechnung. Er konnte mit durchbohrter Nase unmöglich umziehen und sich in Schweizer Krankenhäusern vorstellen.
Mittlerweile wussten nun alle Verwandten und Bekannten von unserem Nachwuchs und am Schärfsten reagierte wie immer mein Vater. Er war geschockt. Und dabei dachte er nicht an uns oder an mich. Mein Baby bekommt ein Baby oder so etwas Ähnliches. Nein, das Schlimmste war für ihn, dass ich ihn ohne zu fragen zum Opa machte.
Er fand sich viel zu jung und auch wenn 47 kein Alter für einen Opa ist, war ich doch sehr enttäuscht, als er wochenlang nicht mehr zurückrief.
Na hör mal, Papa! Du warst bei deinem ersten Kind 18! War die Oma da begeistert?
Eines Tages klingelte das Telefon: „Mach mich bloß nicht zum Opa!“ hörte ich meinen Vater am anderen Ende der Leitung sagen und den Rest des Telefonates versuchte er sehr lässig zu klingen.
Seit dem Tag, an dem ich älter wurde und ich meinen Vater als einen ganz normalen Menschen erkannte, merkte ich, dass er doch nicht alles konnte (er war gar nicht Weltmeister im Tischtennis), wusste (mein geliebter Zwerghase war gar nicht verschwunden, weil er neue Freunde gefunden hatte. Meine Mutter hatte ihn beim Betten machen zerquetscht) und durfte (seit 15 Jahren ohne Führerschein fahren), so wie er es mir immer vorgelebt hatte.
Mein Vater brach sich beim Fahrrad fahren die Rippen, weil er meinem jüngeren Bruder beweisen wollte, dass der coole Dad eben wohl durch diesen verdammten Bach fahren kann, wenn man diese Art Fahrrad besitzt.
Ja, mein Papa war schon ein Unikat.
Beim nächsten Arztbesuch weinte ich vor Erstaunen und Glück. Auf dem Bild konnte man deutlich einen kleinen Menschen erkennen. Es sah aus wie ein winziges Gummibärchen mit pochendem Herzen und kleinen Armen und Beinen.
Vom Arzt erhielt ich nun die Lizenz zum Fressen, weil ich nicht zunahm und mein Kreislauf sehr darunter litt. „90 zu 60 Blutdruck. Da wird mir ja nur von Hinsehen schlecht“, meinte der Arzt.
Mehr und mehr Leute wollten uns auf einmal besuchen. Sie wollten mich mit einer riesigen Kugel und Wasser in den Beinen sehen und waren fast enttäuscht, dass ich im dritten Monat außer einem bleichen Gesicht und ständiger Müdigkeit nichts vorzuweisen hatte.
Koste es was es wolle, die Leute kamen.
So kam es mir jedenfalls vor, besonders bei meiner besten Freundin aus Berlin, die ihren neuen Freund mitbrachte.
Ich freute mich auf sie, jedoch als sie ankamen und ihr Freund mit hohem Fieber unsere Wohnung betrat, war ich nicht mehr begeistert. Christof sollte vor seiner Operation nicht mehr krank werden. Also stopften wir sofort jedes Medikament in ihn hinein, um ihn schnell gesund zu kriegen. Allerdings schien Micha von allen Schmerzen befreit zu sein, denn er war so verliebt in Tatjana, dass jegliches Leid von ihm abprallte und er noch mitten in der Nacht im schönen Märzregen mit ihr einen kleinen Spaziergang durch das Freiburger Ghetto machte.
Unsere Nächte bestanden aus Hustenattacken und Schnarchen und weil wir ja keine Türen hatten, schauten Christof und ich uns morgens um drei an und hatten wahre Mordgelüste.
Die Tage waren nicht besser. Unsere Gäste kauften ihr Essen selbst ein, unseres schmeckte ihnen nicht und meine Freundin reagierte noch leicht gereizt, als ich ihr ihre Tütensuppe als gute Gastgeberin selbst machte.
„Warum gehen wir nicht mal in die Disco?“ fragte sie mich. Ich drehte mein käsiges Gesicht zu ihr und fragte mich, ob ich richtig gehört hatte. „Du hast doch gesagt, wir feiern kräftig!“
An diesen Satz meinerseits konnte ich mich nicht mehr erinnern.
Erstens war ich krankgeschrieben. Dann lässt man sich wohl kaum ausgelassen tanzend in der Disco sehen. Und zweitens: Doch nicht mit Baby im Bauch, das nicht mal Mineralwasser trinken will! Alkohol und Zigaretten waren eh tabu, also wieso in eine laute, stickige Bude sitzen und mir einen Tinitus einfangen, auf allen 4 Ohren.
Ich schweifte mit meinen Gedanken ab und fragte mich, was ich überhaupt immer dort gewollt hatte.
Es fiel mir wieder ein, als ich von meinem Sohn und seinem Gebrüll später fast einen Tinitus bekam. Abschalten.
Aber nicht jetzt. „Wieso denn nicht? Toll, ich habe extra meine guten Sachen eingepackt.“
Alles nett Reden von Schwangerschaft und `ich fühl mich nicht so gut` half nichts.
Ich war sauer. Um allen eine Freude zu machen, einigten wir uns auf einen Kegelabend.
Micha hätte auch schon Bunjy-jumping gemacht und es kam uns vor, als würde Micha alles machen, was Tatjana sagte. Zum Glück war er angeseilt…
Das Kegeln machte Spaß.
Christof räumte zweimal die Kegel auf der nebenan liegenden Bahn ab und ich wurde häufig angewiesen, den geilen Hintern des Freundes meiner Freundin anzuschauen.
„Ist er nicht süß? Er hat die perfekte Kickerfigur!“ Sie winkte ihm zu und er winkte mit blassem Gesicht zurück. Ich mochte ihn, fand aber nicht, dass er wie ein Kicker aussah, sondern eher wir ihr Ex-Freund, mit dem sie 7 Jahre zusammen war. Mal was anderes, wissen wie es mit einem anderen ist. Und da war er nun.
So langsam dämmerte es mir. Es ging nicht um mich oder mein Baby bei diesem Besuch. Es ging um den neuen Hintern in ihren Leben, der trotz Krankheit gezeigt werden musste. Was war bloß aus uns geworden? Konkurrenzkampf nach 20 Jahren Freundschaft oder doch nur Schwangerschaftshormone?
Ich wusste es nicht genau, aber auch Christof war genervt. Nach Kegeln und Tischfußball waren alle etwas müde. Bis auf Tatjana, sie war beleidigt. Sie hatte sich den Abend etwas länger vorgestellt, wahrscheinlich auch spektakulärer. Und zugegeben, das war er nicht, aber wir fühlten uns nun mal alle schlecht, bis auf sie.
Am Abfahrtstag schob ich sie zur Tür hinaus. Das erste Mal war ich nicht traurig, dass sie ging und dieser Gedanke tat weh.
Über Briefe klärten wir die ganze Sache wieder auf und ich erkannte, dass wir beide damals irgendwie eine eingeschränkte Sichtweise hatten. Tatjana, weil sie frisch verliebt war und da ist man ja bekanntlich für niemand anderen empfänglich, als für die neue Liebe. Und ich hatte ja auch meine kleine neue Liebe, die in mir heranwuchs.
Abgesehen davon haben wir schon zusammen gespielt, kurz nachdem wir gelernt hatten, dass man auch Pipi ins Klo machen kann, also kann es in 20 Jahren auch mal einen schlechten Besuch geben.
Meine Trauzeugin.
Auch auf Christofs Seite veränderten sich die Freunde. Besonders die ewig jung bleiben- wollenden Heavys, die besorgte Mütter hatten (bei denen sie noch immer wohnten) und ihnen in den Ohren lagen, selbst endlich mal eine Familie zu gründen.
Sie meldeten sich einfach nicht mehr, ließen Christof an den verabredeten Orten sitzen und riefen nicht mehr an. Den Grund dafür bekam er nie zu hören.
Es war, als würde manchen Bekannten unser Nachwuchs schwerer auf den Magen schlagen, als mir. Vielleicht dachten sie, wir würden jetzt zu einem häuslichen, spießigen Ehepaar mutieren. Christof wächst ein Bierbauch und ich bringe ihm brav die Pantoffeln vor den Fernseher.
Vielleicht wollten sie auch einfach nicht sehen, dass es schönere und wichtigere Dinge im Leben gibt, als rauchen und saufen, bis die Polizei die Party beendet.
Christof war schon lange aus dieser Phase draußen. Die Orgien liefen schon ohne ihn, bevor wir uns überhaupt kennen lernten. Also konnte man ihm nicht unterstellen, dass er durch seine Vaterschaft nun weniger präsent sei.
Als wir dann umzogen und seine Freunde alle nicht zum helfen kamen, gab er den Kontakt auf. Und fühlte sich schlecht dabei.
Dann wurde Christof operiert. Sie holten ihm Polypen aus der Stirnhöhle, die so groß wie Tischtennisbälle waren. Vor der Operation schrieb er mir noch alle wichtigen Versicherungen und seine Geheimnummer für die EC-Karte auf, schön verpackt in einem schmalzigen Liebesbrief, für den Fall, dass er aus dem Krankenhaus nicht mehr herauskam und ich die jüngste Witwe Deutschlands werden würde.
Er kam schon am5. Tag wieder raus und es ging ihm den Umständen entsprechend gut.
Wir hofften, dass nun sein ständiges Krankheitsgefühl ein Ende hatte.
Frühlingsanfang. Am 26.4. spürte ich zum ersten Mal die sanften Tritte meines Babys. Ich hatte schon damit gerechnet, denn der Arzt sagte mir bereits beim letzten Besuch, dass es bald so weit sein würde.
Die Gegenwart unseres Sohnes wurde nun immer realer.
Die Luft war warm, die Vögel sangen und die Knospen trieben aus. Ich saß auf dem Balkon im 11. Stock und genoss die ersten Sonnenstrahlen.
Christof und ich mussten viel bereden. Würden wir genug Geld haben, wenn ich als Arbeitskraft ausfalle? Werden wir uns die neue Wohnung leisten können und wo sollte unser Sohn zur Welt kommen?
Schwierige Entscheidungen standen uns nun bevor und sie mussten zügig getroffen werden.
Bei der neuen Wohnung war nicht mehr allein die Frage, ob sie uns gefällt, sondern auch, ob sie groß genug für alle war, welches Umfeld uns umgab, ob Schnellstraße oder Wald, Spielplatz oder Einkaufsmeile. Gab es Schulen und Kindergärten in der Nähe und waren die Nachbarn kinderfreundlich? Denn irgendwann würde unser Kind laufen und die Welt erkunden und dann wollte ich eine Umgebung, in der ich nicht alle 2 Meter Angst um ihn haben musste.
Und solche Gedanken würden von jetzt an immer in unseren Köpfen bleiben: Noch begannen sie mit den Fragen: Wird unser Kind gesund und zufrieden sein? Werden wir gute Eltern?
Und bald würden wir darüber nachdenken, in welche Schule er gehen und welchen Freundeskreis er haben wird und ob er sich einen Weg aussucht, mit dem er glücklich leben kann. Meine Gedanken schweiften bis zu seiner Hochzeit, bei der ich als ältere Frau laut heulend die Zeremonie stören würde und mich am Büffet satt aß.
Ich liebte es, mir alles vorzustellen und dabei über meinen langsam runder werdenden Bauch zu streicheln.
Doch ich wusste, die eigentlichen Gedanken und Ängste, die man seinem Kind gegenüber hatte, würden erst vollkommen real, wenn man tatsächlich Eltern war. Als Solokünstler konnte man sich das alles nur vorstellen.
Probleme gab es leider immer und es gab im Laufe meines Lebens viele, auf die ich gerne verzichtet hätte, weil sie manchmal wie ein riesiger Berg vor mir standen.
Ich hoffte, mein Kind so erziehen zu können, das die meisten Probleme für ihn nur kleinere Hügel waren.
Alles was um mich herum geschah, saugte ich ihn mir auf. Dabei kam ich häufig zu einem positiven Ergebnis, was mich wunderte, denn sonst gehörte ich eher zu denen, die behaupteten, dass die Welt viel unfaires in sich birgt, dem ich mich oft nicht gewachsen fühlte.
Doch durch Christof und dieses Baby entwickelte ich eine ungewöhnliche Stärke in mir, so dass mir in dieser Zeit ein Problem nur selten unlösbar schien. Es war wie ein Verliebtheitsgefühl nach dem ersten Date.
Deshalb fühlte ich mich im Großen und Ganzen recht wohl, was auch dem kleinen Mann zugute kam. Ich aß ganze Hände voller Gummibärchen, die ich vorher nie leiden konnte und schob es auf die Notwendigkeit der Knochenbildung während der Schwangerschaft.
Er wuchs nun 4 ½ Monate in mir heran, maß ungefähr 14 Zentimeter und wog ein paar hundert Gramm. Auf den Ultraschallbildern konnte man genau die inneren Organe und die einzelnen Gliedmaßen erkennen.
Sogar die Zehen und Finger. Der kleine Mann bewegte sich, nahm seine Finger in den Mund und drehte uns den Hintern zu. Sein Geschlecht war nicht zu erkennen, aber ich wusste es ja.
Der errechnete Geburtstermin wurde auf den 24.9. vorverlegt, anscheinend, weil er gut im Rennen mit der Entwicklung lag.
Nach der überstandenen Übelkeit ging ich wieder voll arbeiten und es war sehr anstrengend.
Die kleinen Stühle, die Lautstärke, das viele Laufen, alles war mit diesem Bauch nicht mehr so einfach, zumal er für den 5. Monat immer noch kaum zu sehen war und ich deshalb als Schwangere nicht besonders ernst genommen wurde.
Vielleicht war ich auch zu empfindlich. Weil ich nicht vor den Kindern außer der Reihe essen durfte, musste ich mich häufig in die Küche zurückziehen und meine Haferflocken mit Milch mampfen, damit mir mein Kreislauf nicht ins Bodenlose fiel und mir schlecht wurde.
Eine meiner Kolleginnen hasste mich jetzt noch mehr, weil ich trotz der ständigen Esserei nicht in die Breite ging. Im Gegensatz zu ihr.
Ich hatte noch immer kein Gramm zugenommen und fragte mich langsam, wo das Kind überhaupt den Platz fand. Würde ich am Ende die erste Mutter sein, die ihr Kind auf dem Rücken austrägt und deshalb nicht bemerkt, dass es wächst? Vielleicht hatte ich schon einen Buckel!
Egal. Meinem Sohn ging es gut in seinem 1-Zimmer-Apartement.
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