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Freitag, 16. Mai 2008
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FORTSETZUNGS-ROMAN > TEIL 4

Eine Begegnung der dritten Art hatte ich dann eines Morgens, kurz vor sieben. Ich musste mit dem Bus zur Arbeit fahren, da in Freiburg viele Straßenbahnstrecken ausgebaut wurden. Ich stand vor der Tür und der Busfahrer ignorierte mich gekonnt. War auch einfach, denn ich war die einzige, die einsteigen wollte. Eigentlich war das egal, der Frühling kehrte ein und es macht mir nichts aus, die ersten Sonnenstrahlen des Tages abzukriegen.
Dann, pünktlich zur Abfahrtszeit ging die Tür auf. Ich stieg ein und öffnete gerade meinen Mund, um „Guten Morgen“ zu sagen, als der Fahrer mich anschrie: “Geht das auch schneller?“ Er trat auf das Gaspedal, noch bevor ich sitzen konnte. Durch den Ruck stolperte ich, drehte mich im Flug, um nicht auf den Bauch zu fallen und erwischte mit der halben Pobacke unsanft eine Sitzecke. Ich konnte es nicht fassen. Er hatte mich angeschrieen, weil ich zu langsam war.
Da saß ich und sagte gar nichts. Ich war die einzige im Bus und blieb es bis zur letzten Haltestelle. Das lag wahrscheinlich daran, dass der gute Mann so schnell raste und dabei sogar Bordsteine überfuhr. Es konnte keiner von außen rein!
An der Haltestelle angekommen feierte ich mein Überleben mit einem Müsliriegel und musste schon wieder in den nächsten Bus steigen.
Zum ersten Mal hatte ich keine Lust mehr auf diesen ganzen Mist. Seit Christof und ich verheiratet waren, wurden mir von der Steuer 300 Euro abgezogen, ich rutschte in eine andere Steuerklasse. Nun arbeitete ich umgerechnet für 4 Euro die Stunde und das als ausgebildete Fachkraft. Dafür fuhr ich jeden Tag eine Stunde durch ganz Freiburg hin und wieder zurück.
Was war daran noch gerecht?

Auch die Arztbesuche wurden immer seltsamer. Voller Freude ging ich- mit der Gewissheit, mein Baby nun spüren zu können- zum Arzt, der mich schon beim letzten Mal darauf hingewiesen hatte.
Doch jetzt meinte er, ich könne das Kind noch nicht spüren und solle nicht so auf meine Gedärme hören.
Ich war gekränkt. Die 23. Schwangerschaftswoche war nun durch, ich wusste, dass es mein Sohn war und nicht irgendein verklemmter Furz! Manche Mütter konnten ihr Baby schon in der 18. Woche fühlen und von dieser Zeit war ich ja nun wirklich weiter entfernt.
Als Christof dann auch noch sagte, dass ich womöglich zu sehr in mich hinein gehört hatte und mit dem Arzt über mich lachte, hielt ich meine Tränen bis vor die Eingangstür zurück und heulte dann wie ein Schlosshund.
Das schönste Gefühl, von zwei Männern, die so etwas nie erfahren würden, einfach zunichte gemacht.
Aber ich hielt daran fest. Nur weil es meine erste Schwangerschaft war, ließ ich mich nicht verarschen.
Die Arztbesuche machten mich immer missmutiger. Anscheinend hatte ich dort den Eindruck erweckt, ich würde mich nicht auf mein Kind freuen, denn diesen Satz bekam ich ständig zu hören, wenn ich nach der richtigen Ernährung oder meinem ständig hart werdenden Bauch fragte.

Ich lag halbnackt auf der Arztliege. Ich war ungefähr Mitte 7. Monat. Christof stand wie immer mit verschränkten Armen neben mir und blickte in verschiedene Richtungen.
Ich rannte dem Arzt nie ohne Routinetermin die Bude ein, seit der Schwangerschaft war es heute das erste Mal.

Und der war genervt. “So viele Komplikationen habe ich bei einer jungen Frau in 25 Jahren noch nicht erlebt.“ Er musste mich verwechseln, außer meiner anfänglichen Übelkeit war alles in Ordnung gewesen.
Er kniff mir unsanft in die Bauchdecke: “Da ist nichts. Der Bauch ist nicht hart. Früher haben die Frauen mit einem Kartoffelsack auf dem Rücken und einem säugenden Kind vorne das Feld bestellt und waren hochschwanger. Was ist los? Wollen sie ein 500 Gramm-Baby?“
Das wollte ich nicht, deshalb war ich ja hier.
Ich zog mich wieder an und kam mir dreckig und blöd vor.
Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Mir kam es so vor, als würde sich mein Bauch ständig zusammen ziehen und hart werden. War ich zu so einer Memme geworden, hatte ich eine falsche Sichtweise oder zu viel Ängste bei der Schwangerschaft? Oder einfach nur den falschen Arzt?
Christof war sprachlos und fragte kleinlaut, mit einem Grinsen wie das jetzt mit der Sexualität wäre.
„Ja, ist klar. Die ist jetzt nicht so heiß wegen der Schwangerschaft, denkt, das wäre vielleicht nicht so gut. Macht aber gar nichts aus. Und wenn sie mal nicht so heiß ist, einfach drauf spucken und schon kann`s weitergehen.
Ich hörte Christofs unsicheres Lachen und ging dann ohne mich zu verteidigen oder verteidigt zu werden aus der Praxis hinaus. Mir kamen auch nicht mehr die Tränen wie beim letzten Mal.

Ich war also eine jammernde, hysterische Schwangere, auf die man spucken muss, wenn sie mal nicht richtig funktioniert. Und zum ersten Mal in dieser besonderen Zeit fühlte ich mich auch so.
Da hast du mal wieder gut gekontert, dachte ich und in mir stieg die Wut über mich selbst hoch.
Meine Ansicht über eine Schwangerschaft schien falsch zu sein. Es war nichts Heiliges und Unberührbares. Die Welt drehte sich nicht anders, obwohl man es meinte. Es gab immer noch Idioten auf der Welt und da meine Gefühle noch stärker waren, war ich noch angreifbarer.
Und dann weinte ich doch. Du Weichei!

2 Wochen später musste ich wegen Frühwehen ins Krankenhaus, durfte nicht mehr arbeiten und musste viel liegen.

Der Arzt sah mich nie wieder.

Es stellte sich heraus, dass mein Kleiner tatsächlich ein Junge werden würde.
Mittlerweile konnte ich auch die Schwangerschaft nicht mehr verstecken, er nahm sich den Platz, den er brauchte. Mit leichten Tritten machte das Baby sich bemerkbar und manchmal, wenn er sich drehte, konnte man eine Wölbung erkennen. Jeden Tag nahm ich mir ein wenig Zeit, legte meine Hände auf den Bauch, fühlte und wartete auf kleine Klopfzeichen.
Meine Fülle machte den Alltag langsam anstrengend. Spaziergänge hielt ich selten lange durch, nach dem Kindergarten schlief ich meistens auf der Couch ein.

Während der Arbeit meldete sich mein Kind allerdings selten. Es kam mir fast so vor, als würde er dem Geschrei und Geplapper zuhören. Und sobald ich zu Hause war, meldete er sich mit vielen kleinen Tritten.
Manchmal glaubte ich, den ganzen Tag nur zu essen und zu schlafen. Und alle 2 Minuten aufs Klo zu gehen.

Christof verwöhnte mich von hinten nach vorne. Er holte mich jeden Tag vom Kindergarten ab und wir fuhren zu den umliegenden Baggerseen. Durch das Schwimmen blieb ich einigermaßen fit und die Sonne war herrlich. Mein Sohn und ich legten enorm an Kilos zu. Er musste nun rund 30 Zentimeter groß sein und ungefähr 800 Gramm wiegen. Ginge man nach dem Vollmond, konnte er in genau 4 Monaten zur Welt kommen.

Auf der Freiburger Messe war diesmal nur zuschauen angesagt. Gut, ich will nicht angeben. Ich wäre sowieso niemals Achterbahn gefahren. Aber die leckeren Schokobananen waren nicht vor mir sicher. Ich hätte Hunderte essen können, denn der Kleine wollte nur Süßes. Sehr verhängnisvoll und schwer abzustellen. Aber mit viel Disziplin hielt ich mich von den meisten Reizen fern. Ich wollte nach der Geburt nicht wie eine fette Planschkuh aussehen.
Trotzdem hätte ich jeden Morgen eine Tafel Schokolade essen können.

Als ich dann wegen der Frühwehen endgültig auf der Arbeit ausfiel, waren meine Kollegen natürlich nicht begeistert. Meine Kollegin musste nun allein mit 19 Kindern fertig werden und ich hatte ein schlechtes Gewissen, sie so im Stich zu lassen.

Der Arbeitsplatz war seit langen der beste, den ich je hatte und ich wusste, dass er nun endgültig weg war, denn mein Vertrag lief noch vor der Elterzeit aus. Das Team bestand nur aus Frauen, es gibt selten männliche Erzieher. Die sind entweder schwul oder total verrückt, für dieses Gehalt als Mann zu arbeiten.
Mein Abschied war für den Kindergarten wenig spektakulär. Sie mussten schon wieder an das nächste Kindergartenjahr denken, in dem Stellen gekürzt wurden und sogar meine Stelle nur noch 25% der Arbeitszeit deckte.
Ich wurde schnell vergessen. Das spürte ich besonders, als ich dann später mit meinem Sohn den Kindergarten besuchte und kein Platz im Stuhlkreis mehr für mich bereitstand.

Achtung Tonne! Diesen Spruch konnte ich mir so langsam als Schild um den Hals hängen.
Es erwischte mich der Ischias und ich lief durch die Gegend wie ein Pinguin. Wenn ich mich auf den Rücken legte, kam ich allein nicht mehr hoch. Zusätzlich wurde mir aus heiterem Himmel schwindelig. Ob ich stand oder gerade spazieren ging, plötzlich wurde mir schwarz vor Augen. Dann setzte ich mich schnell auf den Boden, um nicht auf den Bauch zu fallen, aber ich wurde selten richtig ohnmächtig.
Ich dachte nie, dass ich mal zu den Schwangeren gehören würde, denen die Puste ausging.
Melancholisch lag ich auf dem Balkon, weil ich nicht beim Umzug helfen konnte.
Ich fühlte mich wie eine schwere Last für Christof (im wahrsten Sinne des Wortes), der alles allein organisieren musste.
Ich konnte Dinge zwar verpacken, durfte aber keine Kartons heben.
Liebe machen hatte auch nachgelassen und wenn ich mich im Spiegel so anschaute, brauchte ich nicht fragen, warum.
Meinem Baby gegenüber hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil es ständig die traurigen Gefühle seiner Mutter ertragen musste. Das konnte doch nicht gut sein.
So viele Ängste türmten sich in mir auf. Werde ich Geduld haben, Liebe schenken können und alles andere tun, was eine gute Mutter ausmacht?
So verging der Tag mit vielen Zweifeln und Tränen.

Ich legte mir zum ersten Mal die Spieluhr auf den Bauch, die ich für 35 Euro in einem Spielzeugladen in Tübingen gekauft hatte. Was für ein Schwangerschaftskauf! Christof weiß bis heute nicht, wie viel sie genau gekostet hat. Ich legte sie jeden Abend um 20 Uhr auf den Bauch und ließ sie spielen.
Mein Sohn strampelte jedes Mal wild, dabei sollte sie doch beruhigen! Heute tut sie es.
Er weiß genau, wenn dieses Lied erklingt, ist Ruhe im Karton und er schläft meist ohne Kampf ein.

Meine Liebe zu Christof wurde mit jedem Tag stärker. Er sah immer alles positiv, jede Herausforderung nahm er als eine Erfahrung an und wenn sie noch so schwer war.
Es schien mir manchmal, als wäre er das Gegenteil von mir: Standfest und sicher in allem was er tat. Die Leute mochten ihn sofort, auch wenn er nicht der Mensch war, der sich in den Mittelpunkt stellte.
Bei mir war das immer etwas anders. Ich war unsicher, wollte es allen recht machen und schaffte es oft gerade dann nicht.
Manche Menschen dachten, ich sei eingebildet, weil ich wenig sprach, dabei war ich nur schüchtern. Deshalb war ich insgeheim ganz froh, wenn mich die Leute vor Christof kennen lernten, denn nach ihm hatte ich mit meiner stillen, zurückhaltenden Art kaum eine Chance.
Nur wenige seiner Freunde mochten mich sofort.
Abgesehen davon hatte ich zusätzlich Schwierigkeiten, neue Leute kennen zu lernen, weil ich sehr an meinen alten Freunden hing.
Sie kannten mich. Bei ihnen musste ich mich nicht verstellen, um anerkannt zu werden.
Und so versteckte ich mich häufiger, als mir selbst einen Ruck zu geben. Ich wählte den einfachen Weg.
Doch dies sollte sich stark ändern. Ich war glücklich. Glücklich mit Christof und meinem Baby. Ich musste niemandem mehr etwas beweisen, weil ich voll und ganz hinter dem stand, was ich tat.
Ich war zufrieden mit mir. Irgendwie zu ersten Mal.

Die restliche Zeit zu Hause verging sehr schnell. Die Befürchtung, nun der Schokolade
und dem Fernseher zu verfallen, bestätigte sich nicht. Das Gegenteil war der Fall. Ständig stellte ich das Kinderzimmer um, kaufte wichtige und sehr unwichtige Dinge ein, bastelte, zeichnete, hämmerte, sortierte.
Ich mutierte zur Hausfrau. Alles musste sauber sein, sogar eine Käsesocke in der Ecke störte mich (früher waren es nur meine Käsesocken in der Ecke). Der Teppich musste zum Sofa passen, Staub unter dem Bett gab es nicht mehr. Ich überraschte mich selbst, der Tag schien nicht lange genug zu sein.
Christof machte mit mir Ausflüge zum Rhein und zu den Baggerseen und ich rollte mich so lang ins Schlauchboot, bis es aus technischen Gründen nicht mehr ging.
Das Aussteigen wurde irgendwann unmöglich.
Bald schämte ich mich, mit meinem dicken Bauch am Ufer zu liegen. Eigentlich seltsam, da ich doch fast die einzig Bekleidete am Baggersee war. Manche scheuten sich nicht einmal, unter all den anderen Sex miteinander zu haben und ich saß da und verhüllte meinen Bauch mit einem Handtuch.
Meine letzten Tage als Schwangere bestanden also aus baden, spazieren gehen, Freunde und Verwandte empfangen, aufräumen und Wehen veratmen, die ab September jeden Tag alle 5 Minuten kamen, um dann nach 3 oder 4 Stunden wieder zu verschwinden.

Die neue Wohnung, war groß, hell und wunderbar warm. Ich freute mich darauf, mein Baby bald zu Gesicht zu bekommen. The final countdown.
So langsam machte ich mir Gedanken über die bevorstehenden Schmerzen und versuchte, mich mental auf die Geburt vorzubereiten. Ich bemerkte, dass ich oft lange Zeit einfach in einem stillen Raum saß, mich konzentrierte und hoffte, dass mir das bei der Geburt helfen würde.
Innere Ruhe.
Ich versuchte, dieses Ereignis nicht nur als schmerzvoll, sondern auch als spannend anzusehen, schließlich würde ich ein lebendiges Wesen auf die Welt bringen.
Und mal ehrlich: Die Art, wie mein Baby da rein gekommen ist, war verdammt gut, da konnte das rauskommen ja auch nicht so schlimm sein. Wenn es sich einrichten lässt, bitte nicht länger als 10 Stunden.
Ich sah mich vor meinem inneren Auge in der Badewanne Wehen wegatmen, Hebammen und Schwestern um mich herum und Christof, mit Schweißperlen auf der Stirn, pustet und atmet eifrig mit, während er mir die Hand hält.
Aber es kommt immer anders als man denkt.
Im Nachhinein kann ich sagen, dass mir meine gedankliche Vorbereitung sehr geholfen hat, aber das Ereignis an sich ist so unglaublich und alles verändernd, dass man es sich nicht vorstellen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat.
Ein blöder Spruch, aber es wird mir wohl jede Mutter recht geben.

Manchmal fuhren Christof und ich unsere Eltern besuchen.
Christofs Verwandte saßen meist auf einem Haufen. Man ging zu seinen Eltern und schon kamen auch alle Brüder, Schwestern, Kinder, Enkel. Es gab ein Riesenmittagessen an einem großen Tisch, danach meist nahtloser Übergang zu Kaffee und Kuchen und ab und zu ein edles Besäufnis mit edlem Wein und lustiger Stimmung.
Bei meiner Mutter gab es meist nur das Besäufnis, allerdings in professioneller Hinsicht, denn sie führte mit meinem Stiefvater eine Kneipe in der Altstadt eines kleinen Kaffs nahe der Schweizer Grenze.

Und diese Kneipe war immer für uns geöffnet, auch wenn meine Mutter kaum Zeit hatte.
Das waren wir gewohnt. Wir setzten uns in die Gartenwirtschaft und warteten, bis sie einen freien Moment fand, um sich zu uns zu setzen.
Innen war es meist zu stickig, erfüllt von Zigarettenrauch und ihre Stammkunden gehörten zu den Leuten, die schon morgens um 11 Uhr ihr Bier verlangten.
Ich war zum großen Teil damit aufgewachsen, doch noch als Erwachsene war es ein seltsamer Ort für mich. Ich wurde aus den Leuten nicht schlau. Sie begrüßten mich stets überschwänglich (je nach Alkoholgehalt), wussten schon das neuste über mich und redeten wildes Zeug daher, manchmal auch beleidigend. Dieses Verhalten stieß mich ab. War bei uns jedoch ein Fenster kaputt oder der Umzug stand vor der Tür, waren sie ohne jede Diskussion dabei und halfen. Ein seltsames Völkchen.
„Das bringt Geld!“ hörte ich meine Mutter oft sagen, wenn das Geschäft wieder mal gut lief und die Leute bei einem Fußballspiel ziemlich tief ins Glas schauten, aber für mich war es nichts.

Da ich sie jedoch häufig nur in der Kneipe antreffen konnte, beschlossen wir auch an diesem Tag, die Sonne in der Gartenwirtschaft zu genießen.
Meine Schwestern -12 und 13 Jahre alt und definitiv zu cool für diese Welt- stichelten unsere Mama mit frechen Sprüchen über ihre Sonnenbrille und ihre Kleidung. Sowieso war es ihrer Meinung nach voll öde hier zu sitzen.
Ach ja, wie damals, dachte ich bei mir. Meine Mutter musste nun Zickenalarm im Doppelpack ertragen. Sie hatte Mühe, sich zu wehren. „Du warst nie so zickig!“ sagte sie mir einmal heimlich. Ich lächelte und dachte: “Und du warst selten so vergesslich.“
Und dann fiel mir eine ganze Liste von frechen Dingen ein, die ich früher raus geschmettert hatte, während ich nun schwanger an diesem Tisch saß und sich mir bei dem Gedanken an die Zukunft die Nackenhaare sträubten.

Neben uns saß ein schon ziemlich angetrunkener Mann mit seinem 9-jährigen behinderten Sohn. Er unterhielt die ganze Wirtschaft mit seinen sexistischen Sprüchen und schien voll in seinem Element zu sein. Meine Mutter ignorierte ihn gekonnt. Sie hatte ja Übung.
Als ich dann von einem meiner 190 Toilettengänge zurückkam und zwangsläufig an ihm vorbeilaufen musste, schaute er mich von oben bis unten an.
„Es wäre mal wieder geil, `ne schöne Schwangere zu knacken.“
„Bei dir schneit`s wohl !“ sagte ich zurück und dachte noch: Wow, wie immer gut gekontert, Mina. Schnell schaute ich zu Christof hinüber, mein Held, mein Beschützer, mein starker Ehemann, der seine Spezi schlürfte und von all dem gar nichts mitbekommen hatte.
Kleinlaut setzte ich mich wieder.
Ich fühlte mich angeekelt und in meiner Heiligkeit als Schwangere angegriffen. Ich war froh, als es Zeit zu gehen war.
Auf dem Weg zum Auto platzte die Geschichte doch noch aus mir heraus und schon 2 Sekunden später bereute ich es. Christof regte sich fürchterlich auf und das sah bei ihm meistens so aus, dass er gar nichts sagte und wild in eine Richtung starrte. „Wieso hast du mir das nicht früher gesagt?“
„Lass doch, ist jetzt egal. Ich habe mich ja gewehrt (haha). Los, wir fahren. Der Typ ist so blau, morgen früh weiß der das nicht mehr.“ Ich versuchte ihn zu beschwichtigen.
Doch Christofs Ehre ließ es nicht zu, den Tag so enden zu lassen. Nach einer endlosen Schweigeminute im stehenden Auto nahm er sein Messer, riss die Autotür auf und rief: „Ich bin gleich wieder da!“

Ich wusste, dass meine Mutter mit ihrer Familie spazieren gegangen war, es war also niemand da, um die beiden voneinander fernzuhalten. Und wieso gleich ein Messer? Wollte er seinen Skalp nehmen?
Auf die anderen Gäste zählte ich nicht und kam mit meinem dicken Bauch gar nicht so schnell hinterher. Ich sah Christof schon wieder mit einer gebrochenen Nase zurückkommen.
Ich fand alles furchtbar übertrieben, aber ich war ja selber schuld. Ich hatte meinen unbezähmbaren Ehemann auf einen besoffenen Idioten gehetzt.

Christof setzte sich an den Tisch des Mannes, sein behinderter Sohn immer noch schweigend und lächelnd neben ihm.
„Ich habe gehört, dass du zu meiner Frau gesagt hast, es wäre mal wieder schön,
`ne Schwangere zu knacken, stimmt das?“
„Ja und ? Hat sie ein Problem damit?“ meinte er und ließ sich lässig auf seinen Stuhl zurückfallen.
„Nein, aber ich. Ist doch wohl klar, oder?“
Der Mann reichte Christof die Hand. „Tausend mal Entschuldigung. Du weißt doch wie das ist. Meine Frau war doch auch mal schwanger und dann ist es doch schön, Geschlechtsverkehr zu haben. Tut mir leid, Mann, ehrlich.“ Christof war sich nicht sicher, ob er sich jetzt doch noch gleich prügeln musste, doch der Typ schüttelte ihm weiterhin so kräftig die Hand, dass der Tisch wackelte und die Getränke ausliefen.

Christof kam der keuchenden Schwangeren entgegen und sagte grinsend: „Erledigt!“ Ich konnte die Geschichte kaum glauben. Kein Nasenbruch, keine aufgeschlitzte Kehle, eine große Entschuldigungsorgie.
Zwei Biere später wäre diese Situation wahrscheinlich anders verlaufen.

Beim nächsten Treffen löste derselbe Mann fast eine Massenschlägerei aus, mittendrin meine Oma, meine Mutter, mein Stiefvater und Christof. Der Typ hatte eine Frau als Hure bezeichnet, die mit ihrem Mann und ihrem Bruder da war.
Manche hoben ganze Barhocker in die Höhe, schubsten sich gegenseitig und versuchten, andere mit den Zimmerpflanzen meiner Mutter zu bewerfen. Meine Oma wurde mit Wein und Wurstsalat begossen, weil ihr der Tisch entgegen kam.
10 Minuten später hatten sich alle wieder lieb und tranken Bier miteinander. Der Typ hatte von dort an Hausverbot.

Als ich beim Ultraschall war, konnte ich den kleinen Mann dabei beobachten, wie er Fruchtwasser trank und seinen Kopf an meine Bauchwand schmiegte, als wolle er kuscheln. Ich ging nun kein Risiko mehr ein und ließ mich nach den Frühwehen die letzten zwei Wochen, die ich noch zu arbeiten hatte, krankschreiben. Ich durfte zwar zu hause sein, aber ich musste viel liegen. Mit 7 ½ Monaten wäre er ein absolutes Frühchen geworden. Er hätte mit rund 36 Zentimetern und 1000 Gramm eine Überlebenschance von 65% gehabt und ich wollte alles dafür tun, dass er die volle Punktzahl erreicht.
Trotzdem schien es ihm gut zu gehen. Er strampelte, wobei sein Kickboxen so langsam richtig wehtat, weil mein bauch sich so oft zusammen zog und verhärtete.
Ich hatte gelesen, dass er nun die Augen öffnete!
Die Sonne war mit 37°C im Schatten auch unübersehbar.
Nun konnte ich mich also voll und ganz auf ihn konzentrieren und musste nicht um 6 Uhr morgens aufstehen, damit ich um Uhr auf der Arbeit war und das selbe galt dann auch für den Nachmittag.


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