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Montag, 12. Mai 2008
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FORTSETZUNGS-ROMAN > TEIL 6

Der letzte Tag als schwangere Frau.
Meine Henkersmahlzeit war ein Essen bei unserem Chinesen um die Ecke. Wer wusste, wann wir so etwas das nächste Mal in Ruhe machen konnten, wenn man den ganzen Pessimisten um uns herum Glauben schenken sollte.
Abends lagen Christof und ich noch lange wach, redeten über den Verlauf der OP, was sie alles tun und wie sie es tun würden.

So langsam wurde ich erstaunlich ruhig. Ich hatte nur Angst, dass ich Panik bekommen würde, wenn sie mit ihren Kanülen und Spritzen auf mich zukämen.
„Dann schicken sie dich sofort in Vollnarkose“, meinte Christof und genau das wollte ich nicht.
Ich wollte den ersten Schrei meines Babys hören.
Morgens lagen wir uns noch lange in den Armen, schmusten und unser Sohn strampelte fröhlich mit. Der Arme. Er wusste nicht, was auf ihn zukommt.
Wenigstens der Wehenstress wurde ihm erspart und ein verbeultes Köpfchen mit passend verschobenem Näschen.
Heute würde mir also ein 4-Kilo Baby mit 38 Zentimeter Kopfumfang und 2,5 Liter Fruchtwasser entnommen werden. Unglaublich! An einem Tag 6 Kilo leichter.
Wie wird mein Sohn aussehen? Welchen Namen werden wir ihm geben? Wird er gleich schreien oder nur verdutzt schauen? Und: Wird er gesund sein?
All diese Fragen schossen mir durch den Kopf und die Antworten erhielt ich in wenigen Stunden.

Beim Arzt musste ich ein letztes Mal ans CTG, das Baby wurde per Ultraschall begutachtet, der Muttermund untersucht. Die Ärztin und der Anästhesist klärten mich über die letzten Risiken auf. Lebenslange Lähmung durch die PDA, Inkontinenz durch einen Blasenschnitt oder das Baby könnte verletzt werden.
Ich hielt mir innerlich die Ohren zu und sagte mir, es sei ja eine Routineoperation.
Seit 10 Uhr morgens im Krankenhaus. Zuerst hielt sich meine Nervosität in Grenzen, doch nach 4 Stunden Wartezeit lagen meine Nerven blank.
Ich war so müde, ständig vielen mir die Augen zu, doch ich hatte Angst, mich zu entspannen, weil ich befürchtete, Christof wäre nicht mehr an meiner Seite, wenn ich die Augen öffnete.
Ich fing an zu weinen. Was war, wenn etwas schief gehen würde? Irgendwelche Komplikationen bei dem Baby oder mir? Aber ich durfte mich nicht hineinsteigern. Ich wollte meine Kind sofort sehen und nicht einen Tag später nach der Vollnarkose.
Dann wurde ich an den Tropf gehängt und musste ständig auf die Toilette, immer in der verrückten Hoffnung, dass das Kind wie bei meiner Oma dort ruck-zuck zur Welt käme.
Doch kein Kaiserschnitt und nur schnell wieder hier raus. Peinlich berührt musste ich mich zum Rasieren und Kathederlegen bereitmachen.
Die Krankenschwester war so aufgeregt, weil Christof ein Kollege war, dass sie für diese Prozedur drei für mich sehr unangenehme Anläufe nahm.

Dann war es soweit. Ich wurde mit samt Bett in Richtung OP-Raum geschoben. Dort sollte ich mich auf eine gewärmte Platte legen, eine Schleuse, die mich von einem Raum in den anderen verlegte.
Da lag ich nun, ohne Unterwäsche, verkabelt mit Katheder und einem selten schönen Nachthemd mit Schlitz hinten. Ich kam mir vor wie eine Schildkröte auf dem Rücken, hilflos.
Auf der anderen Seite reichte mir ein junger Mann, ein sehr junger Mann wortlos die Hand. War das der Arzt? Da kann sich mein Sohn ja gleich selbst auf die Welt holen, dachte ich, aber es stellte sich heraus, dass es der Zivi war.
Toll. Ein Mann meines Alters sah mich nackt, ängstlich und dick auf einem Bett liegen. Ich war entzückt.
Zu was verrückten Gedanken ich immer noch fähig war, trotz dieser Situation.
Mein Puls 130 zu 70. Der nächste schweigsame Zivi stand neben mir.

Na gut, wenn du nicht redest, mach ich das eben: „Wie lange bist du schon hier, macht`s Spaß? Hat man bei dem Beruf keine Alpträume?““ N`paar Monate, ja, nein.“ Was für eine Auskunft, aber ich war für alles dankbar, was mich von meiner Angst ablenkte.
Und wo zum Teufel war Christof?

Der Anästhesist kam und legte mir die PDA. „Hat das wehgetan?“ fragte er, als ich zusammen zuckte. Es war ein kurzer, stechender Schmerz bis ins Gesäß. „Ja“ sagte ich und wollte gerade beschreiben wo, als ich merkte, dass er sich schon wieder aus dem Raum entfernt hatte.
Doch dann kam ein fast angenehmes, kribbelndes Gefühl, das mir die Beine langsam auf die Liege sinken ließ. Durch die Aufregung hatte ich Wehen, die ich nun kaum mehr spürte. Schnell hatte ich gar kein Gefühl mehr von der Hüfte abwärts.

Ich wurde in den OP-Raum geschoben und dort wartete endlich Christof auf mich.
Meine Sicht wurde mit einem grünen Tuch abgeschirmt, alle Krankenschwestern und Ärzte waren vermummt, letztere bekam ich gar nicht zu Gesicht. Meine Arme waren fixiert, ich spürte ein ständiges Rucken durch meinen Körper. Sie hatten also bereits mit der Operation begonnen.
Eine Schwester beugte sich nun zu mir: “Der Arzt wird ihnen gleich auf den Bauch drücken. Das tut er, um eine Wehe vorzutäuschen, um das Baby auf die Welt zu bringen.“
Eigentlich war ich durch die Vorwarnung nun darauf gefasst, doch durch den Druck wurde mir auf einmal die Luft abgeklemmt. Ich hatte mir irgendeinen Muskel oder ähnliches gezerrt.

Und plötzlich war alles egal. Ich hörte den ersten Schrei meines Babys. Das schönste Geräusch meines Lebens (von dem ich bald noch sehr viel mehr hören durfte).
Er war ganz weiß von der Käseschmiere, leicht bläulich, weil sich die Nabelschnur um seinen Hals gewickelt hatte. Rote Lippen und ein leicht verkniffenes Gesicht. Ich war so glücklich.
Genauso hatte ich ihn mir vorgestellt. Ein wenig mehr Haare vielleicht.
Da war er.

Der kleine Mensch, der mich immer trat, keine Äpfel und keinen Sprudel vertrug, verantwortlich für meine Heulattacken bei der Merci-Werbung war.
Und ich wusste, er würde mein Lebensinhalt sein. Nach ihm erst würden meine Bedürfnisse kommen. Ich war glücklich. Ein Junge.
Er wurde zur Untersuchung weggebracht und ich spürte, dass mir langsam die Luft ausging und die Schmerzen im Rippenbereich immer größer wurden. Ich konnte nicht einatmen und wurde immer blasser.

Christof wurde nervös. Als Krankenpfleger dachte er gleich an eine Lungenembolie und fragte vorsichtig den Anästhesisten, der über mir stand und mich mit verschränkten Armen auf mich herabblickte: “Ist das normal?“ Der grüne Mann mit relativ unberührtem Gesicht und dem dicken Popel in der Nase, den ich ständig von unten sehen konnte und höflich zu ignorieren versuchte, sagte nur: “Nö, aber die Sauerstoffsättigung is noch ok.“
Die Schmerzen wurden unerträglich. Ich versuchte, mich zu bewegen, um diese Art Krampf irgendwie loszuwerden, aber ich konnte und durfte nicht, weil die Ärzte noch mit dem Zunähen beschäftigt waren.
Ich hoffte, dass ich bald aus dieser Lage befreit werden würde.

Mit eiserner Disziplin und der puren Anwesenheit von Christof blieb ich ruhig und war sehr froh, als sie mich endlich abschnallten und ich meine Arme wieder in die Richtung heben konnte, die ich wollte.
Wieder wurde ich mit samt Bett in den Aufzug geschoben, um nach oben in den Kreissaal zu gelangen. Ich war noch ganz benebelt von der Betäubung und der ganzen Situation.
Oben angekommen, genoss ich das Sonnenlicht, das im Operationsraum ganz gefehlt hatte. Eine Hebamme mit Prinz-Eisenherz-Frisur wartete bereits schon auf uns, unser Baby auf dem Arm.
Sie legte mir mein Kind auf die Brust, doch nun bekam ich endgültig keine Luft mehr, da ich diese Beklemmungsgefühle während der Atmung immer noch nicht los hatte und schob mir meinen Kleinen in den Arm.
Sofort bekam ich von der Hebamme einen kritischen Blick zugeworfen, als wolle ich mein Kind nicht annehmen, aber ich dachte, wir hätten alle etwas mehr davon, wenn die Mama nicht in den nächsten 2 Minuten ersticken würde.
Ich konnte nun auch langsam meine Füße wieder spüren, es ging weiter in Richtung Oberschenkel und Bauch und die damit verbunden Narbenschmerzen kündigten sich sehr schnell an.
Und die wurden heftig. Ich fragte mich, weshalb all die prominenten Frauen den Kaiserschnitt bevorzugten, diese Schmerzen waren kaum auszuhalten.
Entweder, mein Körper hatte nicht mitbekommen, dass nun das Baby auf der Welt war oder ich hatte Nachwehen, was eigentlich bei der ersten Geburt nicht üblich ist. Mein Bauch zog sich jedoch in regelmäßigen Abständen zusammen und ich konnte nichts dagegen tun.
Es war, als würde ich Bauchmuskeltraining auf unfreiwillige Art machen und es tat weh.
Zum ersten Mal sollte mein Sohn nun an der Brust trinken und er hatte sofort einen beachtlichen Zug drauf. Danach schlief er gleich ein. Für ihn war diese Prozedur wahrscheinlich noch anstrengender als für mich. Christof legte ihn in ein kleines Bettchen neben meinem.
Ich begann vor Schmerzen zu schwitzen und bat um ein Medikament, das mir etwas helfen würde. Ich weiß bis heute nicht, was es genau war, doch von dem Moment an versank meine Erinnerung in ein tiefes Loch. Christof erzählte mir später, dass ich zwar redete und bei Bewusstsein war, doch so richtig registrierte ich meine Umwelt erst wieder, als ich abends um 20 Uhr aufgefordert wurde, mich waschen zu lassen und dabei zu stehen.
Mir war schlecht. Ich hatte ständig Würgeanfälle, wahrscheinlich von dem Schmerzmittel. Zitternd versuchte ich mich auf die Beine zu stellen, doch es war mir nicht möglich. Im Liegen konnte ich dann mein Becken heben und so ein wenig mithelfen. Christof war immer noch an meiner Seite und half der Krankenschwester. Es war mir irgendwie ein bisschen peinlich, dass er mich so sah, erschöpft, blutend und ständig würgend.

Unser Kind lag noch immer im Bettchen und schlief ohne Kommentar.
Wie sollten wir ihn nennen? Marlon, Yannik, Leon? Die gab es alle schon und waren gerade die absoluten Modenamen. Wir wollten etwas ausgefallenes, dass man nicht dümmlich abkürzen konnte, ihm aber auch nicht ein Leben lang Hänseleien bescherte.
Uns war ständig Noah im Kopf, doch als wir uns vor ein paar Wochen mal vorsichtig erkundigten, was die Verwandtschaft davon hielt, sagte meine Oma: „Noah? Aber so könnt ihr ihn doch nicht nennen! So heißt doch schon ein Schiff!“ So viel zum Thema, ältere Leute und die Bibel.
„Aaron?“ fragte Christof mich leise. Aber mit zwei „Aa“ keuchte ich zurück und schon war er verschwunden, um der Hebamme zu sagen, für welchen Namen wir uns entschieden hatten. Sie wartete sowieso schon länger.
Beschlossene Sache. Nun gab es einen neuen direkten Thronfolger.

Viele Leute reagierten auch auf diesen Namen kritisch. Mein Opa meinte „Ahorn? Wieso heißt der denn jetzt wie ein Baum? Das wird er euch heimzahlen!“
„Nein, Opa, Aaron!“ Aber das alles nutzte nichts. Ich wusste, dass er mich nur auf den Arm nehmen wollte, sein Grinsen verriet alles.
Ebenfalls dachten einige, wir wären sehr religiös. Manche ließen wir in dem Glauben, doch Aaron war der zweite Name von Elvis Presley und da wir ihn schlecht Elvis nennen konnten, blieb uns nur der.
Christof war wohl einer seiner größten Fans.
Beim nächsten Kind bin ich aber dran mit Aussuchen!


Es wurde Abend und Christof wurde nach hause geschickt. Ich kam in ein 3- Bettzimmer, war aber ganz allein. Meinen Sohn wollte ich gleich bei mir behalten und nicht zu den anderen Babys geben.
Und da lag ich nun. Ich schlief keine Minute, die ganze Nacht nicht. Die meiste Zeit musste ich auf dem Rücken liegen, weil die Narbe sich bei jeder Bewegung meldete. Ich starrte an die Decke oder rüber zu dem kleinen Bett, das neben mir stand, heraus kam ein leises Schnarchen. Mein Sohn hatte noch Fruchtwasser in der Nase.
Ich war überwältigt. Da lag ein neuer Mensch, den es vorher noch gar nicht gab. Und ich hatte ihn selbst gemacht, mit viel Kirschen, Gummibärchen, Lasagne und vielem mehr. Na gut, Christof hatte auch einen kleinen Teil dazu beigetragen.
Ich traute mich gar nicht, das Licht anzumachen, weil ich befürchtete, es konnte Aaron blenden.
Also blieb ich im Dunkeln, döste vor mich hin und wurde alle 2 Stunden von einem kleinen Falkenschrei geweckt, kurz, schrill und laut, weil mein Küken etwas trinken wollte. Und somit war sein erster Spitzname ins Leben gerufen: Der kleine Falke.

Ich durfte nicht aufstehen, ihn nicht wickeln, nicht einmal allein aus dem Bettchen heben. Immer sollte ich eine Hebamme dafür rufen. Das wurde mir noch am ersten Tag zu blöd. Ich hob ihn selbst raus, immer mit dem Gedanken, meine Bauchmuskeln nicht einzusetzen. Sowieso versuchte ich, mich aus dem Bett zu rollen, denn die Schmerzen ließen gar nicht zu, dass ich mal schnell aufstand.
Am nächsten Tag wurde mir der Katheder entfernt und ich wurde zu einer mir unendlich scheinenden Reise aufgefordert: Der Gang zur Toilette. Ich stellte mich langsam hin, hob meinen weichen, kleiner gewordenen Bauch, als würde er hinunterfallen und lief los. Nein, ich schlurfte los wie der Glöckner von Notre Dame in gebückter Haltung und kam vollkommen erleichtert an. Aber ich musste auch wieder zurück!
Es war grausam. Durch den Kaiserschnitt blutete ich nicht so stark wie nach einer normalen Geburt, das war ein Vorteil, aber die Schmerzen, die mich noch zu hause quälten, ließen mich, wenn auch unwissend, behaupten, dass diese mit einer normalen Geburt und langen Wehen vergleichbar waren.
Langsam schlurfte ich wieder zurück zum Bett. Jeden Morgen um 7 Uhr bekam ich Trombosespritzen und die passenden Strümpfe waren eine Wohltat. Meine Beine fühlten sich schwer und müde an.
Ich war erschöpft, aber glücklich. Wir waren beide total gesund und der Rest würde sich mit der Zeit ergeben.

Und mein Sohn war auch glücklich, er wurde aus meinem Bauch direkt ins Schlaraffenland befördert. Während manche Mütter ihre Muttermilch mit Wasser strecken mussten, damit ihre Kinder zufrieden waren, pumpte ich bereits am zweiten Tag bei jeder „Mahlzeit“ ein ganzes Glas Muttermilch ab.
Legte ich mich auf die Seite, um Aaron zu stillen, konnte ich danach meinen Sohn und mich selbst komplett umziehen, weil ich uns mit der freien Brust im wahrsten Sinne des Wortes nass tropfte. Meine Körbchengröße stieg in einer Nacht von 75 B auf 75 F. Frauen wissen nun, wie ich ausgesehen habe.
Ich war froh, dass das Angebot so groß war, doch die Nachfrage ließ zu wünschen übrig. Aaron konnte gar nicht so viel trinken, wie da war und ich kam mir vor wie eine Milchkuh, die nicht gemolken wurde. Der bloße Anblick meines Sohnes ließ mein Nachthemd nass werden und deshalb wünschte ich eine Pumpe. Doch jede Hebamme aus der nächsten Schicht hatte eine andere Meinung. Nachdem meine Oberweite schon so hart wie Stein war und ich kaum noch durch die Tür kam, sagten die einen, ich solle es das Kind abtrinken lassen. Das war aber nicht möglich, denn nach vier Zügen kam schon so viel, dass er ganz müde und satt war. Natürlich schlief er ein.
Die nächste Hebamme versuchte es mit der fiesen Brustwarzen- kneif- Methode, damit Aaron die Brust besser zu fassen bekam, auch das half nicht. Irgendwann kam Blut aus meinem Busen und ich erschrak fürchterlich. Endlich durfte ich nun regelmäßig abpumpen und das drückende und spannende Gefühl wurde gemindert.
Eines Abends lag ich im Bett, dass Baby in meinem Arm und streichelte liebevoll die samtig weiche Backe. Aarons Fingerchen bewegten sich stetig und plötzlich öffnete er die Augen und sah mich vollkommen klar an. Zuerst dachte ich, es sei ein Zufall, doch die Augen blieben wach und starrten mich an, eine Mama- Musterung. „Hallo“ sagte ich leise und war verblüfft, dass ein Neugeborenes so schauen konnte. Ich dachte, das käme erst später.

Am nächsten Tag kamen gleich drei verschiedene Leute, die mich besuchen wollten. Ich hatte Christof schon vor der Geburt gesagt, dass ich keinen Besuch wollte, bevor ich mich nicht wieder besser fühlte, doch er war zu weich für diesen Job.
Zuerst kam Karina aus dem Schwangerschaftskurs mit ihrem Freund. Sie setzte sich keuchend mit ihrem dicken Bauch auf den Stuhl und begann, mich lauthals zu beneiden. Und als ich sie so sah, war ich froh, dass ich mit jedem Tag weiter von der Geburt und ihren Schmerzen entfernt war. Aber ich versuchte dieses Ereignis für sie so auszuschmücken, dass sie nicht noch mehr Angst bekam.
Dann kam eine weitere langjährige Freundin mit ihrem Vater und alle waren fasziniert von dem kleinen, schlafenden Bündel in meinem Arm. Ich war nur müde.
Es tat mir leid, dass ich mich nicht offensichtlich über Besuche freuen konnte und manchmal tat ich es auch ehrlich gesagt nicht, denn ich brauchte meine Ruhe.
Mein Bruder mit seiner Familie rückte an. Sie schenkten uns einen Tommy Tub, eine Art großer Fingerhut, in dem die Kinder baden konnten und sich dabei wie im Mutterleib fühlen sollten. Es freute mich, dass sie da waren, doch irgendwie kamen sie mir vor wie eine Horde Elefanten. Der frischgebackene Onkel rüttelte ständig am Bettchen und wollte seinen Neffen wach kriegen, während all mein Flehen nicht half, denn ich wollte nur schlafen und war froh, dass Aaron endlich schlief.
Dann musste ich wohl oder übel auf die Toilette und die ganze Prozedur ging los: Auf die Seite drehen, langsam aufstehen, Bauch halten, ein Bein vor das andere und los. Neben her lachten meine lieben Verwandten über meine Körperhaltung und ich wurde von einem fröhlichen „Mina-Mina-Mina!“- Anfeuerungslied begleitet.
Zurück im Bett suchte ich ständig Christofs Blicke, der überhaupt keine Anstalten machte, diese fröhliche Runde zu beenden. Wir hatten doch vorher ausgemacht, dass ich bestimmen konnte, wann es mir zuviel würde und nun 3 Besuchsgruppen am ersten Tag? Es war zuviel. Ich fing an zu weinen.

Entrüstet fielen alle Blicke auf mich. Christof lotste die Besucher in die Cafeteria und ich durfte mir danach die Vorwürfe anhören. „Freut sie sich denn nicht, dass wir gekommen sind? Wir haben doch den Tommy Tub mitgebracht!“ Natürlich hatte ich mich gefreut, aber ich war geräuschempfindlich, vollkommen übernächtigt, hatte Schmerzen und gestern noch eine Operation überstanden. Ich war im Eimer und schwor mir selbst, dass ich in Zukunft keiner frisch entbundenen Freundin auf die Pelle rücken würde, bevor sie es nicht wünscht.
Es kamen viele Verwandte und Bekannte, um mich zu besuchen und mit jedem Tag konnte ich es besser aushalten. Ich war eben auch übervorsichtig und fragte mich immer, ob das alles vielleicht zu laut oder zu stressig für uns beide wäre.
Christof kam jeden Tag, er hatte frei und schnell fiel es mir schwer, hier zu bleiben. Ich wollte mit nach hause. Hier gab es keinen Fernseher, kein Radio und keinen Zimmernachbarn, mit dem ich hätte reden können. Die Zeitschriften und Bücher konnte ich auch nicht ständig lesen und für die Cafeteria war ich noch zu schwach.

Da ich nun nichts anderes tun konnte, außer abzupumpen, weil die Brust so entzündet war, zeigte die Hebamme Christof, wie er mich entlasten konnte. Es gab eine niedliche Alternative zum Saugfläschchen und das war das Finger feeding. Die Hebammen behaupteten, dass es schlecht sei, das Kind nun an eine Flasche zu gewöhnen, da es danach nicht mehr gestillt werden wolle. Also sollte Christof ihm nun den kleinen Finger geben. Daran konnte Aaron nuckeln und seitlich wurde mit einem kleinen Gummischlauch an einer Spritze die Milch in sein Mündchen eingeflösst. Es war zu süß. Christofs Finger war bald ganz schrumpelig vom saugen.
Jeden Abend war mir zum heulen zumute. Ab 20 Uhr sollten die Ehemänner nach hause verschwinden und ich fühlte mich so allein. Die ganzen 5 Tage bekam ich keine Zimmernachbarin und ich hatte so gehofft, dass bei Karina endlich die Wehen losgehen würden.
Ich weinte wegen allem: Weil Gäste da waren, weil keine Gäste da waren, weil ich nie weiter als bis zu Toilette kam und gar nicht wusste, wie der Gang draußen aussah, weil mein Sohn so hübsch und gesund war, weil ich Schmerzen hatte und weil ich da lag, mit einem eingefallen, grummelnden Bauch. „Nimm dich in Acht, Welt! Wer weiß, wie lange das noch geht!“ dachte ich bei mir und wollte wieder zurück in mein eigenes Bett.
Der Appetit verging mir auch so langsam. Obwohl das Essen wirklich gut war, kam ich meist nur bis zur Tagessuppe und mehr ging nicht rein. Eigentlich erstaunlich. Die ganze Zeit hatte ich ein riesiges Baby im Bauch, das doch irgendwie den Platz wegnahm. Jetzt stellte sich alles wieder ein und ich konnte trotzdem nicht reinhauen, wie ich es eigentlich vorhatte.
Das war auch der Grund, weshalb ich nach unnatürlichen zwei Wochen wieder mein Normalgewicht zurück gewonnen hatte.
Der einzige Lichtblick jeden Morgen direkt nach der Trombosespritze war der Arzt. Er kam rein, ganz in weiß und sah aus wie mein Vater in jüngeren Jahren. Dann setzte er sich hin oder lehnte sich lässig ans Fenster, während sein Winker im Haar gülden in der Sonne glänzte.
Er war ein ruhiges Gemüt und an seinem Dialekt konnte man erkennen, dass er aus dem Norden Deutschlands stammte. Zusätzlich war er der erste, der mir ein einigermaßen brauchbares Kompliment machte, während ich käsig und schlaff im Bett lag. „Ganz schön groß der Kleine und keine Schwangerschaftsstreifen. Reife Leistung!“
Dr. „Winker“ zog mir am 5. Tag die Fäden an der Narbe und ließ mich mit vielen Ratschlägen, Mahnungen und Anweisungen gehen.
Wenn ich hätte raus rennen können, hätte ich es vor Freude gemacht.

Ich zog Aaron die Sachen an, die ich schon vor Wochen in meinen Krankenhauskoffer gepackt hatte. Sie waren schon jetzt teilweise zu klein, doch er sah so hübsch aus, ganz in gelb mit einer gestreiften Mütze. Wir legten ihn in den Babysitz für das Auto und schon wurden seine Augen riesengroß. Gerade als ich packte, kam Karina keuchend hinein. Wehen im 5- Minuten-Takt. Was für ein Timing.
Aarons Augen wurden noch größer, als wir mit ihm ins Auto stiegen, es war, als würden sie ihm gleich aus dem kleinen Gesichtchen fallen.
„Das macht der BMW!“ sagte Christof stolz, aber als wir um die nächste Kurve gefahren waren, schlief unser Baby bereits.

Zu hause angekommen, liefen wir umher wie aufgescheuchte Hühner, nur ganz fürchterlich leise. Wir waren jetzt Eltern, keine Krankenschwester, keine Hebamme mehr da, die uns etwas abnahm. Eine völlig neue Situation. Ich packte aus, Aaron schlief im Bettchen und das ganze 3 Stunden lang.
Alles stand bereit, Fläschchen, Schnuller, Milchpumpe und Wickeltisch. Unsere Nerven lagen blank.
Da war er also. Unser Sohn. 3650 Gramm, 50 Zentimeter, 38 Zentimeter Kopfumfang, 10 Finger und Zehen und eine Nase mitten im Gesicht.
Unsere Gedanken drehten sich nur um diesen kleinen Jungen, der so zerbrechlich und zart war und gleichzeitig so neugierig auf diese Welt.

Mit Aaron war stets alles in Ordnung. Bei jeder Untersuchung schnitt er gut ab, er schlief gut, hatte seinen festen Rhythmus und weinte wenig.
Ich hatte jedoch jedes Kinkerlitzchen, das man haben konnte. Fast jeden Abend bekam ich 40°C Fieber, mit Schüttelfrost saß ich auf der Couch und legte 3 Decken um mich herum.
Die Besucher kamen trotzdem, selbst als ich sagte, ich wolle es nicht, es war, als spräche ich eine andere Sprache. Wir wurden fotografiert, ausgefragt und belagert. Auf jedem Foto konnte man mich mit einem gequälten Lachen antreffen, das Kind auf dem Arm. Besonders nervte es mich, wenn es dann noch hieß: „Hättest du kein netteres Gesicht machen können?“
Mit Fieber hatte ich nun mal kein breites Grinsen auf den Lippen.
Als Christofs Eltern zu uns kamen, brachten sie alles mit, sogar das Mittagessen. Und Malzbier. Katja sagte mir noch, dass das gut für den Milcheinschuss wäre und nach ein paar Schluck spürte ich ganze Milchdämme in meiner Oberweite brechen. Ich hatte es also doch nicht so nötig.
Wir bekamen einen Haufen Geschenke. Kleidung, Spielsachen, 2 Mobiles, 3 Spieluhren, 4 Krabbeldecken, Beißringe und Windeln. Im Nu waren wir so eingedeckt, dass wir eigentlich für die nächsten Monate ausgestattet waren.

Eines Nachts wickelte ich meinen kleinen Mann und fragte mich, warum mein Nachthemd so nass war. Ich hob mein Hemd hoch und sah, dass eine ganze Menge Wundsekret aus der Narbe floss. Es tat nicht weh, doch es hielt über Tage an, so sehr, dass meine Narbe danach weniger gewölbt war, als vorher. Die Hebamme, die fast jeden Tag zu uns nach hause kam, sagte uns, wir sollten uns keine Sorgen machen.
Aber es war eine widerliche Sache.

Und schon kam das nächste. Nach einer von vielen kurzen Nächten wachte ich auf und wunderte mich, dass ich mich so erstaunlich frei und leicht fühlte. Ich dachte, es läge daran, dass ich 5 Stunden am Stück geschlafen hatte (mittlerweile war das schon wie Urlaub), doch als ich in den Spiegel sah, ahnte ich Übles.

Meine grandiose Oberweite war kleiner geworden. Somit war die Milchbar geschlossen, was mein Sohn mit viel Geschrei untermalte. Nun wollte er fast alle 20 Minuten etwas trinken, aber es kam nichts. Ich versuchte alles, was empfohlen wurde: Das Kind öfter anlegen (ging ja auch nicht anders), lecker Malzbier oder einen kleinen Sekt trinken, Stilltee machen, aber nichts half.
Trotzdem bekam ich empfindliche Knoten in der Brust, es tat so weh und ich wollte das alles nicht mehr ertragen. Ständig dieses Fieber, der Ansaugschmerz, wenn der Kleine loslegte, mal Milch, mal keine.
Ich bekam von meiner Ärztin Abstilltabletten, die mich endgültig umhauten. Wenigstens konnte ich dann schlafen. Aber das schon um 20 Uhr abends und ohne das Baby weinen zu hören. Christof musste mich rabiat wecken und ich wankte zur Küche, um ein Fläschchen zu machen. 4 Uhr morgens. In dieser Hinsicht durfte man nicht mehr zimperlich sein. Tages- und Nachtzeiten zählten nicht mehr, man war zu den unmöglichsten Zeiten wach und schlief zum Mittagessen.

Die Quelle der ewigen Freude war also versiegt.
Ich hatte noch ein wenig Muttermilch eingefroren, doch das reichte nicht lange. Nun wurde es Zeit für die Folgemilch.

Und so wuchs er, man konnte buchstäblich dabei zusehen und ich wollte auch nichts anderes. Er forderte alles, was ich ihm geben konnte und das war nicht wenig. Wenn ich um 3 Uhr morgens ein Fläschchen vorbereitete, dachte ich bei mir, dass wohl keine meiner Freundinnen so viel von einer Nacht hatten wie ich. In die Disco gehen und feiern, das konnte doch wohl jeder. Aber alle 4 Stunden wach sein, Fläschchen geben, abpumpen und wickeln, das war richtig cool!
Und ich war auch immer verdammt cool müde.
Liebe, Zärtlichkeit, Nahrung und Pflege stand bei mir an der Tagesordnung und ich genoss es.
Die Mina, die früher aus der Stadt kaum rauszukriegen war und gerne um die Häuser zog, rückte vollkommen in den Hintergrund.
Dieses kleine Wesen ließ mich jeden Schmerz vergessen und das war auch gut so. Auf diese Weise vergaß ich schneller den Geburtsschmerz, wurde nicht so extrem von meinen Hormonen beeinflusst und fand mich langsam in die Rolle der Mutter ein.
Als Aaron am Nachmittag schlief, meinte Christof, ich solle doch mal wieder einen Spaziergang machen. Erst da fiel mir auf, dass ich durch den Krankenhausaufenthalt und die anfänglichen Schwierigkeiten zu hause viele Tage vom Sommer und Herbstübergang verloren hatte. Die Welt hatte sich ohne mich weitergedreht.
Also ging ich los, ich musste meine Lederjacke rauskramen, weil es schon recht frisch war.
Ich bog um die Ecke, auf die Felder hinaus und mich traf der Schlag. Der Mais war braun! Er war doch noch grasgrün, als ich ins Krankenhaus kam und jetzt windete es und Ähren standen halb eingegangen in der Gegend herum.
Heulend lief ich wieder zurück, schloss die Tür hinter mir zu und setzte mich neben Christof auf die Couch.
„Was ist los?“
„Der Mais ist braun.“

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